31. Dezember 2009
Silvester in Bamberg
Es wurde allmählich dunkel. Margrite schaute den Bäumen zu, wie sie sich verneigten in ihrem Garten. Wie ehrenvoll sie schwiegen an diesem Tag, als die Böllerschüsse der Kinder von nebenan weniger laut waren als die Jahre zuvor.
Phillippe war weggefahren mit Isabelle, sie wusste es, es störte sie nicht.
Ein wenig fröstelte sie bei dem Gedanken, er könne mit ihr diese Gespräche führen wie sie mit ihm. Nein, es störte sie nicht wirklich, sie versank in einen Ruhezustand, der paralysierte.
Sie wollten an diesem Abend weggehen, sie, George und Johannes. Sie freute sich auf die Menschen in der Sandstrasse, wenn sie ins Pizzini laufen würden. Nein, sie hatte keinen Hunger, aber sie würde auch mal versuchen,den Wein zu trinken den Phillippe immer trank und dann dahinsinken in dieser letzten Sekunde des alten Jahres.
Die Dächer der Nachbarhäuser schimmerten ein wenig silbrig in der Nässe die sie besuchte. Sie hatte den Wind um die Häuser geschickt und er klopfte an Margrites Scheibe. Reinlassen würde sie ihn gerne - frischen Wind konnte sie nutzen für ihre Gedanken und die Gedichte ,die sie an diesem Tag schrieb.
Langsam zog sie sich an. Nahm ihre eleganten Strümpfe aus der Kommode und streifte sie über die Schenkel. Ein rotes Kleid hatte sie sich ausgedacht für diesen Abend und die Lieblingsschuhe, die sie elegant konturierten.
Es werden wieder viel zu viele Menschen dasein. Die Leute vom Theater, die immer so superschlau daherschwätzten und die ihre mangelnde materielle Sicherheit durch ihr stets monotones Geschwätz über ein wahres Leben neutralisieren wollten. Ob sie es ertrug an diesem Abend, diesen Intendanten mit seiner Schulklasse zu sehen, das wusste sie noch nicht.
Er würde dann wohl wieder im Mittelpunkt des Raumes sitzen und dummen Reden schwingen, die kleinen Buben und Mädchen um sich geschart.Sie hasste diese Theatralik auf der Provinzbühne Aber George wollte gerne teilnehmen am gesellschaftlichen Leben dieser Domstadt.
Johannes war anders. Er wäre auch daheimgeblieben und hätte seinen Abend schlafend verbracht. Wie gutmütig er war. Er arbeitete als Arzt wie sie und lebte nur für seine Arbeit. Das einzige was er sich zugestand ,war seine Freundschaft zu ihr.Sie verehrte ihn, sie liebte ihn. Ja es war eine sehr eigene Form der Liebe, auch wenn manche Freundschaft dazu sagen würden.
Phillippe war eifersüchtig auf Johannes. Auf die Jahre, die er ihm voraus hatte und auf die Dinge, die sie mit ihm erlebte. Er befürchtete immer, wenn sie ihren besten Freund traf, dass er sie lieben könnte auf eine ganz besondere sanfte Weise. Das ahnte Phillippe, dass es etwas gab, was er nicht wusste und nicht kannte : autistisch und stumm. Still und bescheiden und doch bestimmend. Margrite liebte diese Art an Johannes. Sie mochte seine Hände , seine Worte und seinen Geist. Ohne ihn hätte sie die rauhe nordische Art von George niemals ertragen im letzten Jahrzehnt.
Dass sie genau mit den Männern das Jahr beschliessen sollte, mit denen sie gedanklich lange vor Phillippe abgeschlossen hatte, da sie sie berechnen konnte, die sie auch langweilten, machte ihr Sorgen.
Johannes konnte so unlangweilig sein. Er mochte George und kümmerte sich um ihn. Wie er litt die letzten Monate, als er merkte dass Margrite immer öfter abends nicht da war. Johannes fand die bodenständige Art von George stets bewundernswert, sie erinnerte ihn wohl an seinen Vater.Musste sie ständig Rücksichten nehmen auf die Neurosen der andern?
Und Phillippe? Sie hatte gestern einen wunderbaren Abend mit ihm verbracht. Er war noch in der Nacht nach Marseille gefahren, wieder mit fremdem Namen. Sie wusste nicht ,wie er wirklich hiess. Er konnte auch Francois heissen. Phillippe hatte sich stets angewöhnt, seine Namen zu wechseln, als sei er auf der Flucht vor dem Leben.Auf der Flucht vor sich und seiner Identität. Aber vielleicht wollte er auch viele Rollen spielen, so auch eine Rolle bei ihr.
Welche Rolle mag er sich wohl zugedacht haben? Die des leidenschaftlichen Liebhabers? Die des Phantoms der Oper, oder die des Operettensängers?Sie lachte still
Alle Rollen wären stimmig, nur sie, Margrite wusste nicht, wo sie hingehörte. Sie schaute in die Dunkelheit der Stadt und erkannte kleine Feuerwerke unten am Main. Sie mochte es sogar wenn die Menschen sich zeigten, wenn sie zeigten dass sie lebten.
Was würde im neuen Jahr auf sie zukommen? Nur viel Arbeit ? Nein, sie würde versuchen ,Ordnung in ihr Leben zu bekommen. Vielleicht sollte sie heute abend beginnen mit Johannes ausführlich zu sprechen.Sie waren sich kindlich so nah und nur er würde sie ergründen.
Die Bäume im Garten nickten dazu und eine Krähe flog davon. Der Nebel hatte Einzug gehalten in die Kapuzinerstrasse. Nasskalt das Wetter. Sie liebte es ungemütlich. Wenn der Regen und der Nebel die Sonne vertrieben und mit den Wolken Fangen spielten.
Es war mittlerweile 18.00, sie streifte ihr knallrotes Kleid über die Hüften und betrachtete sich im Spiegel. War sie so “autoerotisch”, wie Phillippe sie nannte? Sie wusste es nicht. An diesem Tag schien es unwichtig, denn er war so weit weg, so fern von ihr. Es war als habe es den gestrigen Tag nie gegeben.
Noch keine Kommentare.
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack-URL