Margrite in der Stadt
Der Tag begann an diesem Mittwoch sehr trist. Phillippe war nicht erreichbar und Margrite kränkelte.Ihr tat der Buckel weh und sie vermied es, sich zu strecken. Zudem hatte Phillippe ihr eine große Blase mitten in die Lippe geküßt. „By god,“ sagte der Spiegel deprimiert,“ siehst du entsetzlich aus.“
Iphigenie ließ sich nicht blicken. Sie war in tiefer Kränkung versunken, verweigerte das Futter und auch die Liebe ihrer Herrin.
Margrite konnte sich an diesem Tag nicht entscheiden , ob sie zuhause bleiben oder der Inselstadt einen Besuch abstatten sollte. Sie lag auf der Couch und drehte sich von einer Seite auf die andere und grübelte still.
Am späten Nachmittag zog sie sich ein schwarzes Kleid an , giftgrüne Handschuhe, dazu kleine Puppenstiefel ,die
wärmten mit dicken Stulpen bis zu den Knien. Den rechten Ärmel schmückte sie mit einer knallroten Kirschkette, die bei jeder Bewegung ein leises Klingeln von sich gab. Es sah ein wenig aus wie ein Hundeband für ganz kleine Hunde, wie sie die besseren Damen früher in den Betten bevorzugten, wenn die Männer nicht zur Verfügung standen.
Sie strahlte wie ein kleiner Pfau, die Kind`in, als sie dann am Spiegel vorbeischlenderte, der erschrak, da er sie nicht erkannte.
Sie lief los und schlenderte von der Kapuzinerstraße, wo sie wohnte ,zum Kranen , traf den einen oder andern Freund. „Jaja, es geht gut, lasst mich in Ruh`“ murmelte sie in ihren punkfarbenen Schal, denn ihr war heute nicht nach Reden. Die Menschen schauten sie an, aber sie sah zur Seite.Es interessierte niemanden wirklich was in ihr vorging, es interessierte nur , ob sie zur Unterhaltung beitrug.Man konsumierte sie wie man die Entertainer in den Vorabenshows konsumierte, kritiklos und inflationär.
Am Kranen schaute sie in den Fluß und überlegte, ob sie wohl in ein Boot steigen würde, wenn es denn käme. So wie die Touristen, die ihren Kindern , den Omas und den Kameras den Main zeigen wollten und Klein Venedig und ein bischen „Weltkulturerbe“ …nur ein bischen…um ihre Schuld abzuarbeiten, die sie
im Laufe des Lebens bekamen, da sie von immer mehr Technik, aber immer weniger Kultur ernährten.Kultur brachte kein Geld, Kultur war Schmuck, Kultur war keck, Kultur wurde benutzt ,um sich zu zeigen.
Eigentlich war die Stadt eingeschlafen sehr früh, sehr schnell. Die Menschen liefen behäbig und plauderten in den Gassen über die neuen Toten der Schweinegrippe, oder über die Verstorbenen und ihre Rast in den Gräbern. Die Marktfrauen am grünen Markt vor der Martinskirche wischten sich den Rotz der kalten Jahreszeit an ihren Schürzen ab, die über ihr Bäuche gebunden waren, so als würden sie immer dort hängen , als wären sie Teil ihres Körpers.“Sie kommen sicher schon mit Schürze zur Welt „, grinste Margrite in sich hinein.
Der Blick zu Rathaus war heute trübe und es roch nach Benzin und vergammelten Schuhn. Einige Straßensänger spielten schräg mit klammen Fingern und sie schaute über die Brücke. „Man sollte die Bamberger unter Artenschutz stellen“ dachte sie sich ,als sie den
langsamen Bewegungen der Menschen zusah und ihren gemütlichen Begegnungen auf der Unteren Brücke auf dem Weg in die Sandstraße.
Sie merkte wie ihre Füße sie Richtung Michelsberg trugen und wie sie sich sehnte nach Phillippe. Er hatte sie
zwei Tage zur Seite gelegt wie eine Akte, wie eine Margerithe, wenn sie verblüht, oder wie eine Katze, mit der man nicht spielen will. Aber es zog sie hinauf den Berg, sie atmete schwer. Hinter ihr ein Stimme , sie erschrak.
Phillippe……
Er sah sie nicht, er war gesprächig unterwegs mit einer dunkelhaarigen großen Dame in Blau.Blauer Schal, blauer Rock….oh…
Schnell, hurtig sprang sie zur Seite, damit er sie nicht sah und beobachtete die beiden.
Sie schienen sich gut zu kennen und sie beobachtete zittrig die Unterhaltung, während er die Sandstraße deklamierend entlangschlenderte . Er schaute meistens weg von Frau Blau, aber das tat er auch bei ihr oft, vor allem dann, wenn er wie vom Donner getroffen die neue Sachlichkeit auf den Tisch des Hauses legte.
Margrite fror hinter den Stufen am Fuße des Doms.
Sie hatte aufgehört zu denken und sie kotzte ihre Liebe auf den gemeinsamen Acker der Wortlosigkeit. Die Raben kamen , die Liebe zu picken und sie zu verschlingen mit ihrer unendlichen Gier. „warum nur warum, habe ich ihm so sehr vertraut, warum nur warum treffe ich ihn hier?“
Vergessen der Bamberger Reiter, die Sahne auf der Himbeercreme, die unendlich weichen Hände und der Kuß..
Ihr Mund wurde trocken, sie hustete und sah ihn vorbeigehen, sein Lachen, seine Arme fuchtelten wild in der Luft.
„Du dumme Kuh, du dumme dumme Kuh“ schimpfte sich Margrite und stampfte wie ein kleines Mädchen mit den Füßen in den nassen Asphalt. Nie mehr nie mehr wollte sie sich verlieben. Ihre Augen funkelten in der beginnenden Dämmerung, und sie wischte sich die Tränen an den giftgrünen Ärmel….
Da hinten liefen sie. Sie sah nur noch kleine schwarze Punkte und sah ihnen nach, bis die Tränen die Punkte verwischten. Die Sonne rief „Weine nicht Margrite,ich werde bald wieder scheinen…“ Margrite blickte nach oben…“ich brauch dich nicht, ich möchte den Regen, den Mond und den Wind….Du zerstörst die Liebe und die Melancholie. Bei dir muß man fröhlich sein. Ich möchte mit dem Nebel um die Wette lachen und nicht von dir verbrannt werden mit deiner Energie…..“….der Himmel ward noch blau geworden und die Sonne verschwand hinter dunkelgrauen Wolken…Margrite drehte sich um und rannte nachhause….weg …nur weg…….die Idee er könnte die blaue Frau lieben am Michelsberg über der Stadt , fast beim lieben Gott…. tat ihr weh…..“
Ihr Handy klingelte….Phillippe……..“Oh Phillippe, wie geht es dir..“ schluchzte sie in den Hörer…so sehr, dass er ihr
entglitt am Bordstein und im Abflussrohr verschwand, geschluckt vom großen Mund der Kanalisation….
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